Mittwoch, 4. Mai 2011

Wie wird man Israeli ?


 Gesehen in der Bugrashov Street / Tel Aviv

Photo: Miriam Woelke
 B”H

Neulich gab mir eine Leserin dieses Blogs die folgenden Worte zu bedenken:

“Wer Aliyah nach Israel macht (als Jude nach Israel einwandert), der muss sich nicht nur Job und Wohnung suchen; nicht nur mit dem verdienten Geld lernen auszukommen, neue Freunde finden oder sich halt so in einem fremden Land einrichten. Eines ist über all dem ganz besonders wichtig und leider vergessen das nur allzu viele Neueinwanderer:

Israel liegt im Nahen Osten. Auf Englisch sagt man “Middle East” und hier im Middle East herrscht eine Middle East Mentality.

Das mag sich jetzt einfach und fast sogar schwachsinnig anhören, doch Tatsache ist, dass hierzulande niemand auf Dauer zurecht kommt, wenn er sein vorheriges Stück Heimat auf dem Buckel mit anschleppt. Israel ist nicht Deutschland, die Schweiz oder Österreich. Es gelten andere Regeln, andere Verhaltensweisen, andere Kulturen und vor allem eine andere Mentalität. Stampfe ich an und fordere meine Umwelt auf, meine deutschen Gepflogenheiten anzunehmen, werde ich scheitern. Nicht nur bei der Umwelt, sondern in erster Linie an mir selbst.

Die hiesigen Behörden arbeiten anders, die Leute sind anders drauf und die Arbeitsmentalität ist nicht immer die angenehmste. Wer länger im Land lebt, gewöhnt sich an den Rhythmus, die Eigenheiten und die Mentalität. Bei mir persönlich was das nicht allzu schwierig, denn ich passe eher hierher als ins geregelte Deutschland, wo alles nach Plan läuft und der Bus genau um 7.53 Uhr um die Ecke kommt wie es auf dem Fahrplan vermerkt ist.

Klar, kann ich ausrasten, herumschreien und Leute zusammen stauchen, doch was bringt das ? Die Mitmenschen denken, ich habe sie nicht alle und gehen sowie so wieder ihren Gewohnheiten nach. Wen ich mit all meiner Aufregung nach Perfektion verletzte, bin ich selber.

Also, wer nach Israel ziehen will, der finde sich mit dem Gedanken ab, dass er in den Middle East kommt und nicht in eine gutbürgerliche deutsche Stube. Nach einiger Zeit des Durchhaltens, werdet Ihr die wilden Anfänge und Eingewöhnungsphasen mit Humor nehmen. A la “Weisst Du noch damals … !”

Kommentare:

  1. "Stampfe ich an und fordere meine Umwelt auf, meine deutschen Gepflogenheiten anzunehmen, werde ich scheitern."

    Da gibt es nur ein Problem, es gibt (fast) keine deutschen Juden mehr die eine Mentalität mitbringen könnten.
    2010 haben gerade mal knapp 200 Juden aus Deutschland Aliyah gemacht, das fällt nicht ins Gewicht für Israel. Um es krasser auszudrücken: Es gibt keine Aliyah aus Deutschland, noch weniger aus Österreich oder der Schweiz.
    Meist hat man seine Nische gefunden, verdient sein (gutes) Geld und fährt nach Israel in Urlaub.

    "Also, wer nach Israel ziehen will, der finde sich mit dem Gedanken ab, dass er in den Middle East kommt und nicht in eine gutbürgerliche deutsche Stube."

    Gerade das will man ja auch wenn man Aliyah macht, mit seiner bisherigen Vergangenheit abschliessen und neu anfangen.

    Sind Dir persönlich Deutsche bekannt die das anders gesehen haben?

    "Nach einiger Zeit des Durchhaltens, werdet Ihr die wilden Anfänge und Eingewöhnungsphasen mit Humor nehmen"

    Mit 20-30 kann man noch so denken, danach muss man schneller und wesentlich gezielter handeln, Du weisst selbst wie schwer es Israelis selbst haben.

    Joshua

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  2. B"H

    Jobmaessig ist es sicherlich vorteilhafter, in juengeren Jahren zu kommen. Wer erst einmal die 40 geschweige denn 50 ueberschritten hat, dem faellt es genau so schwer, sich an neue Strukturen und Mentalitaeten zu gewoehnen.

    Andererseits sehe ich die Aliyah auch als eine Chance auf etwas Neues im Leben. Nicht, dass mit dem alten Leben abgeschlossen werden soll, doch muss der Neueinwanderer, wie in jedem anderen Land auch, eine gewisse Flexibilitaet mitbringen.

    Uebrigens traf ich auf viele Neueinwanderer, die Aliyah mit 50 oder 60 machten und hoechst zufrieden sind mit ihrer Entscheidung. Allerdings kehren auch viele wieder in ihre alten Laender zurueck.

    Nicht, dass ein Neueinwanderer zu allem bereit ist, aber es spielen viele falsche Vorstellungen und Erwartungen eine Rolle.

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