Freitag, 1. Juni 2007

Wir werden verbannt

B"H

Vorgestern wurden israelischen Universitaeten mit einem britischen Bann belegt. Britische Professoren geben ab sofort keine Gastvorlesungen mehr an israel. Unis und umgekehrt werden israel. Professoren nicht mehr zu Vortraegen an britischen Unis zugelassen.

Grund: Die israel. Gewalt gegen die Palaestinenser.

Der Bann wurde uns nun schon zum zweiten Mal seit 2003 auferlegt.

Die israel. Bildungsministerin Yuli Tamir sowie die Unis protestierten. Das Groteske ist, dass sich vor allem die Hebrew University in Jerusalem vieler linker Professoren erfreut. Die HebrewU ist bekannt fuer ihren linken Touch und als fuer mich die Frage aufkam, dort Talmud zu studieren, lehnte ich dankend ab.

Talmud wird dort nach Grammatik studiert. Statt Chavruta und ausgiebigen Studien incl. Talmud - Kommentatoren wird analysiert aus welcher Zeit die Gemara - Texte stammen. Anhand des Aramaeischen kann man das sehr leicht analysieren.
Schnell wurde ich anderswo fuendig, wo die Mehrzahl aus Religioesen im Kurs besteht.

Nun sind sogar die linken Professoren der HebrewU vom Bann geschockt und wissen nicht, wie ihnen geschieht.
Aber nicht genug damit. In einigen Wochen wollen auch die britischen Gewerkschaften ueber einen Handelsboykott gegen Israel abstimmen.

Grund: Die israel. Gewalt gegen die Palaestinenser.

All das sagt mir, dass die britischen Verantwortlichen noch niemals auf Besuch in der HebrewU waren und in Sderot schon gar nicht.
In Israel hingegen ueberlegt man, britische Produkte zu meiden. No more David Beckham.

Initiativen

B"H

Unser Buergermeister, Rabbi Uri Lupolianski, verkuendete, dass die Stadt ein neues Projekt starten will, um die Welle der Abwanderer aus Jerusalem zu stoppen.
Jedes Jahr verlassen Tausende Yerushalmim (Jerusalemer) die Stadt und ziehen nach Tel Aviv und Umgebung.

Das neu ins Leben gerufene Projekt soll allen Jerusalemern die historische Bedeutung ihrer Stadt bewusst machen. Ob das helfen wird, bleibt abzuwarten.

Ein positiver Punkt wurde lt. Meinungsumfragen vor dem Jerusalem - Tag (Yom Yerushalaim) vor zwei Wochen verkuendet:
Jerusalemer seien stolz auf ihre Stadt, die Tel Aviver andererseits haetten keine besonderen Heimatgefuehle in ihrer Stadt.

Eine weitere Initiative wurde schon vor Wochen ins Leben gerufen. Auf Einladung der Stadtverwaltung leben derzeit mehr als 1000 Menschen aus Sderot in Jerusalemer Hotels. Hier sollen sie sich vom Raketen - Terror erholen und zusaetzlich erhalten die und ihre Kinder aerztliche Hilfe gegen die Traumata, die sie erlitten haben.

Donnerstag, 31. Mai 2007

Anstand

B"H

Morgen Abend nun ist es soweit und ich bin total aufgeregt. Die ganze Woche musste ich daran denken. Freunde von mir, die alles schon einmal miterlebten, wiegelten ab. Das sei doch alles gar nicht so schlimm.
Jetzt habe ich neue anstaendige Klamotten und Schuhe gekauft und bereite mich mental vor. Ein unsicheres Gefuehl bleibt trotzdem, was aber sicherlich nach den ersten fuenf Minuten vorueber sein wird. Wenn diese ersten Minuten nur schon vorueber waeren...

Morgen Abend, eine Stunde nach dem Anzuenden der Shabbatkerzen, beginnt der Synagogeng-ttesdienst bei der als aeusserst extrem geltenden chassidischen Gruppe Toldot Aharon. Da ich in meinem relig. Hamantaschen - Blog ueber deren Chassidut und Chassidut ueberhaupt schreibe, werde ich mich morgen persoenlich auf den Weg machen. Ueber etwas zu schreiben, ohne Leute zu befragen, finde ich furchtbar. Nicht, dass mir Mea Shearim fremd ist, aber bei Toldot Aharon war ich noch nie.

Viele Touristen tapsen hilflos durch den ultra - orthod. Stadtteil Mea Shearim. Damit stehen sie nicht allein, denn auch Israelis empfinden den Stadtteil als Ausland. Fremd und antik. Wie die chassidischen Shtetl in Osteuropa vor mehr als Hundert Jahren. Schnell marschieren sie mit ihren Reiseleitern durch Mea Shearim, erfahren jedoch nichts ueber die eigentlichen Hintergruende.
Alles was sie sehen, sind fuer sie komisch gekleidete Leute und die allgegenwaertigen Schilder, dass sich in diesem Stadtteil ein jeder anstaendig zu kleiden hat. Fuer Frauen gilt ein langer Rock und Shirts mit Aermellaenge bis mind. zum Ellbogen.
Maenner sollten eine Kipa tragen und in langen Hosen erscheinen. Kurze Aermel sind auch bei ihnen inakzeptabel.

Morgen also ziehe ich mich anstaendig an und benehme mich auch dementsprechend. Eines jedoch muss ich sagen: Seit vielen Jahren gehe ich am Shabbat an der Toldot Aharon - Synagoge vorbei und bin jedesmal fasziniert von dem herausklingenden euphorischem Gesang. Und jedesmal nahm ich mir vor, unbedingt einmal in deren Synagoge zu gehen, um alles live mitzuerleben.
Morgen werden wir sehen...

Mittwoch, 30. Mai 2007

Die schmutzigen Polit - Spiele

B"H

Sderot ist soeben aus den israelischen Schlagzeilen verschwunden. Gestern fielen "nur" zwei Kassam - Raketen auf die Stadt und das ist selbst in Israel kaum noch eine Zeile wert.
In der Stadt selbst und den umliegenden Siedlungen bzw. Kibbutzim zaehlt man mittlerweile die finanziellen Schaeden zusammen. Die Regierung will Schadenersatz zahlen.
Vor allem die Landwirtschaft hat gelitten und viele Weizenfelder sind abgebrannt. Gestern dann sprach der Knesset - Abgeordnete Zevulon Orlev (Nationalrelig. Partei) einen neuen wichtigen Punkt ein, der bisher "uebersehen" worden war. Die Industrie in Sderot hat chemischen Giftmuell geparkt und der stehe ungesichert ueberall herum. Eine Kassam - Rakete auf die richtige Stelle und schon droht der Stadt eine Umweltkatastrophe. Aber das Thema Umwelt steht in Israel nicht gerade an vorderster Stelle und so wird sich auch in Sderot nichts aendern.

Kaum ist Sderot aus den Schlagzeilen verbannt (jedenfalls vorerst), ist Shimon Peres wieder an vorderster Front zu finden. Heute hat er seine Praesidentschaftskandidatur bekannt gegeben. Er geht fuer Olmerts Kadima - Partei ins Rennen und schon wird gepokert. Peres Chancen stehen 50:50 und er und Olmert buhlen um Stimmen. Olmert kroch sogar zum spirituellen Oberhaupt der sephardisch - relig. SHASS - Partei, Rabbi Ovadia Yosef, und wollte auf Nummer sicher gehen, dass die SHASS - Abgeordneten auch ja fuer Shimon stimmen. Rabbi Yosef sagte "ja", aber wer weiss. Noch ist nichts entschieden.
Laut Olmert werde Peres wieder Ehre, Wuerde und Ansehen ins Praesidentenamt bringen, nachdem Moshe Katzav eher Perversitaeten verbreitete.

Ich habe es so satt, Shimon Peres zu sehen. Kann er denn nicht, wie jeder andere Mensch auch, mit seinen 83 Jahren in Rente gehen ? Vielleicht daheim seine gerade aus dem Krankenhaus entlassene Frau Sonja pflegen und einfach nur die Blumen giessen. Nein, Shimon will die erste Geige spielen und draengt uns seine Anwesenheit geradezu auf. In der Knesset laestert man schon seit Jahren, dass er genau dort irgendwann tot umfallen wird. Auf alle Faelle nicht daheim.
Hoffentlich haben wir den arroganten Shimon demnaechst nicht als Praesidenten. Ich halte mich da lieber an Ruven Rivlin, der einen soliden Eindruck macht und juenger ist. Der ehemalige ashkenazische Oberrabbiner Israels, Rabbi Israel Lau, ist schon aus dem Rennen. Er schlich davon als man ihm drohte, seine alten nichtveroeffentlichten Skandale diesmal durch die Presse schleifen zu lassen. Bestechungen und anscheinend sexuelle Belaestigungen, womit er Moshe Katzav in Rehov Jabotinsky (im Amtssitz des Praesidenten in Jerusalem) richtig Konkurrenz machen taete.

Dienstag, 29. Mai 2007

Sarit Hadad am Yaffa - Tor

B"H

Als ich mich gestern Abend auf dem Heimweg befand, sah ich in der entgegen gesetzten Richtung einen gewaltigen Menschenauflauf am Yaffa - Tor zur Altstadt. Die Saengerin Sarit Hadad gab ein Live - Konzert und es droehnte ihr Song "Shema Israel".
Eine gewaltige Buehne befand sich gleich neben dem Eingang am Yaffa - Tor und es gab eine spektakulaere Light - Show.

In diesen Tagen finden zum Israel - Festival ueberall Konzerte statt. Sarit Hadads Konzert war eingezaeunt und wer Eintritt zahlen wollte, auf den wartete ein grosses Bufett gegenueber der Stadtmauer.
Wer alles umsonst geniessen wollte, der musste zwar aufs Essen verzichten, kam aber trotzdem auf seine Kosten. Der Weg aus dem Yaffa - Tor hinauf zum Rathaus war mit Menschen ueberfuellt. Wir mussten zwar alles aus 200 Meter Entfernung ansehen, doch war es ein tolles Konzert.

Sarit gab sich locker und das TV stand bereit um alles aufzuzeichnen. Bewunderswert war die Light - Show auf der Buehne und die Lichtbilder, die auf die Altstadtmauer geworfen wurden. Hoffentlich erleben wir das noch oefters in diesem Sommer.

Sarit Hadad ist einer DER beruehmtesten Saengerinnen Israels und hier eine Kostprobe fuer all jene, die gestern nicht am Yaffa - Tor sein konnten.


Montag, 28. Mai 2007

Es ist wieder soweit

B"H

Im naechsten Monat ist es anscheinend wieder soweit; die Jerusalemer Gay Parade soll Ende Juni stattfinden.
Einige Tausend Gays samt Anhaengerschaft wollen durch die Innenstadt marschieren. Normalerweise ist der Demo - Zug sehr kurz; von der Ben Yehudah gleich um die Ecke zum Independence Park, wo es jedesmal eine riesen Party gibt.

Die absolute Mehrheit der Jerusalemer ist gegen die Parade. Als ob wir nicht schon genuegend andere Probleme haetten.
Ich schliesse mich der Meinung an. Gegen ein Stattfinden der Parade in Tel Aviv haette ich nichts einzuwenden, aber ausgerechnet in Jerusalem empfinde ich als Frechheit und Provokation.

Alle Jahre wieder und so auch jetzt, will die Stadtverwaltung die Parade verbieten lassen. Juden, Moslems und Christen laufen gleichzeitig Amok gegen die Gays.
In diesen Tagen beraten die Haredim (Ultra - Orthod.) wie sie gegen die Parade vorgehen werden. Laut Rabbi Eldad Shmueli sollen am Shabbat Strassen in nichtrelig.Stadtvierteln blockiert werden und man plant eine Grossdemo in der nichtrelig. Hochburg von Ramat Aviv (einem Stadtteil der Reichen in Tel Aviv).

In den folgenden Wochen wird es in Jerusalem vielleicht wieder so aussehen, sollte die Gay Parade nicht verboten werden:

Demnaechst auch bei Euch ?

B"H

Unser Aussenministerium hatte endlich einmal einen sehr guten Einfall, wie ich finde.
Bewohner aus Sderot werden in verschiedene europaeische Laender entsandt, um ueber die Lage in Sderot zu berichten. Ziel der Aktion ist es, der einseitigen auslaendischen Presse entgegenzuwirken. Wie wir alle sehen, werden vor allem in Europa die Leute mit einseitig pro - palaestinensischen Presseberichten versorgt.

Eine erste franz. sprachige Gesandtschaft aus Sderot macht sich jetzt auf den Weg nach Belgien, in die Schweiz und nach Frankreich. Sie werden in jued. Gemeinden und auch anderswo ueber ihre Erlebnisse und den Raketenterror aus Gaza sprechen. Bei den Vortraegen wird ebenso die jeweilige Lokalpresse anwesend sein.
Eine engl. sprachige Sderot - Gruppe soll nach England fliegen. Ob es Deutsche in Sderot gibt weiss ich nicht, aber vielleicht bieten Eure Gemeinde oder andere Institutionen dennoch solche Vortraege an.

Hoffen wir, dass das Projekt Erfolg hat.

Sonntag, 27. Mai 2007

Festivals

B"H

Trotz Sderot geht das Leben weiter und in diesen Tagen beginnen landesweit (ausser in Sderot) Film - u. Musikfestivals.

Hier einige der Interpreten:

Ein in Deutschland unbekannter israel. Kuenstler. Das Projekt von Idan Raichel, der mit verschiedenen Saengern vorwiegend aethiopische Musikrichtungen verfolgt.



Als Shlomo - Artzi - Fan gebe ich seine Lieder gerne weiter

Sderot und immer wieder Sderot

B"H

In Sderot ertoenen zur Stunde wieder die Sirenen, denn es kommen neue Kassam - Raketen geflogen. Im staatl. israel. Rundfunksender "Reshet Beth" wurde heute kritisiert, dass weder Sderot noch der Norden ueber ausreichende Bunker verfuege. 80% der vorhandenen Bunker im Norden sind unbrauchbar und verrottet. Und das 10 Monate nach dem letzten Libanon - Krieg.

Endlich hat sich Israel dazu durchgerungen, Luftangriffe auf Gaza zu fliegen. Laut Olmert soll dies auch vorerst so bleiben. Es ist irrwitzig. Einerseits laufen Friedensverhandlungen, andererseits fliegen die Raketen weiter auf Sderot. Olmert meinte, man muesse sich halt damit abfinden. Und heute nun gab es einen weiteren Toten zu vermelden. Eine Rakete schlug direkt in sein Auto ein.

Fuer die Industrie in Sderot wird der Notstand ausgerufen, denn alle Unternehmen liegen brach und die Eigentuemer sollen Schadenersatz von der Regierung bekommen.

Dass, was in Israel alle wieder umso aufregt ist die auslaendische Berichterstattung. Keine auslaend. Berichterstatter berichten aus Sderot, sondern lieber aus Gaza.
Wundern tut uns das nicht, sind doch vor allem die Europaer als Antisemiten verschrien.
Und sogleich startete das Online - Magazin WALLA eine Umfrage mit der Frage, warum die Europaer so handelten. 61% der abgebenen Stimmen waren der Meinung, dass die Europaer Antisemiten seien.

Die Umfrage wurde gerade abgeloest, denn Sderot ist heute Abend etwas aus den Schlagzeilen heraus, waehlt doch die Arbeiterpartei einen neuen Vorsitzenden. Amir Peretz soll abgeloest werden und die besten Chancen auf seinen Stuhl hat anscheinend der Ex - Premier Ehud Barak, der wieder aus der Versenkung auftauchte.
Shimon Peres hat keine Ambitionen, weil er Praesident werden will. Ausserdem liegt seine Frau Sonja gerade mit kritischen Zustand im Krankenhaus und so hat Peres andere Sorgen.

Es ist schon total verrueckt, wie sich die Nachrichten in Israel minuetlich aendern.

Heimweh ?

B"H

Als ich gestern Nachmittag bei Rabbi Machlis zum Shabbat - Essen war, bat ich jemanden am Tisch, mir das Sodawasser zu reichen. Er antwortete, dass ich gefaelligst BITTE sagen solle, wie es sich fuer Europaer gehoert.
"Nein, sagte ich, ich sage es dir auf die israelische Art und Weise. Reich mir das Soda." "Ach, du bist schon genauso verdorben wie alle anderen hier," lachte er.

Ich denke Elazar, so hiess derjenige, hat recht. Nach sieben Jahren Israel ohne jegliche Unterbrechung bin ich sicher verdorben wie fast alle Israelis. In Deutschland geboren und aufgewachsen fuehle ich mich heute nicht mehr als Deutscher. Die Mentalitaet und das Gefuehl ist mir irgendwie abhanden gekommen. Meine deutsche Herkunft kann ich nicht verleugnen. Allein schon wegen meines Akzentes im Hebraeischen nicht.

Aber manchmal frage ich mich, was ist eigentlich in mir noch uebrig von Deutschland. Die Frage stellt sich mir oefters, seitdem ich begonnen habe, Blogs in deutscher Sprache zu schreiben. Mehr als sechs Jahre hatte ich fast gar keinen Kontakt zu Deutschen und zur Sprache, und daher hoert sich mein Deutsch manchmal etwas holprig an.
Als ich letztens die Anneka vom Mischpoke - Blog traf, fragte sie mich, mit wem ich denn in Jerusalem Deutsch sprechen wuerde. Gute Frage, mit niemandem, denn kenne keine Deutschen.

Viele gebuertige Israelis fragen mich nach Heimweh und ob ich denn nicht einmal nach Deutschland fahren wolle. Nein, ueberhaupt nicht. Ich habe weder Heimweh noch will ich dorthin fahren, da ich ganz einfach kein Beduerfnis habe. Sicherlich vermisse ich manchmal deutsche Gepflogenheiten wie Puenktlichkeit oder Ordnung. In Deutschland funktioniert immer alles nach dem Uhrwerk und es geht kaum etwas schief. In Israel ist das Gegenteil der Fall.

Deutsche Presse lese ich selten und noch seltener schaue ich deutsches TV ueber Satellit. Einer der Gruende ist, dass ich vieles, was dort geschieht, nicht mehr richtig nachvollziehen kann. Vor allem keine Gesundheitsreformen oder Hartz IV. Dazu reicht mein Wissen nicht mehr aus. Von neuen Show - Stars ganz zu schweigen. Als ich nach drei Jahren Israel im Winter 1998 nach Deutschland kam, wusste ich nicht wer Gildo Horn oder Veronika Feldbusch sind. Nicht, dass dies so wichtig ist, aber komisch fand ich es schon so als Auslaender zu gelten. Bei den damaligen Kommunalwahlen waehlen durfte ich auch nicht, da ich noch nicht angemeldet war.

Ich weiss nicht, wie es anderen geht, die im Ausland leben. Mir jedenfalls fehlt es an nichts und ich bin in Israel sehr zufrieden. Meine wenigen verbliebenen deutschen Freunde koennen meine Einstellung nicht ganz nachvollziehen. Vor einigen Jahren noch als wir in Jerusalem monatlich Terrorattentate hatten, wollten sie unbedingt, dass ich meine Koffer packe und nach Deutschland ins Asyl gehe. Jeder war bereit, mir Unterkunft zu gewaehren, aber ich lehnte dankend ab. Mir war und ist gewiss nicht nach weglaufen zumute, auch nicht bei Kriegen.

Israelis lieben es, Paesse zu sammeln. Je mehr desto besser. Vor den auslaendischen Botschaften stehen die Israelis Schlange, um Paesse zu beantragen. Vor allem vor der deutschen und polnischen Botschaft.
Wer dt. bzw. polnische Vorfahren (vor dem 2. Weltkrieg) hatte, bekommt lt. Gesetz den Pass des jeweiligen Landes. Vor allem viele Enkel und Urenkel der Holocaust - Ueberlebenden beantragen Staatsbuergerschaften. Man wisse ja nie, was einmal passiert und ein zweiter Pass sei immer von Vorteil.
Nicht, dass nun alle unbedingt im Ausland leben wollen. Aber mit einem dt. Pass laesst es sich bequemer reisen, denn der israel. Bringt oft Einschraenkungen mit sich. Ausserdem wollen viele junge Leute in den USA oder England studieren und mit einem EU - Pass ist das leichter.

Freitag, 25. Mai 2007

Klassenfahrt nach Auschwitz

B"H

Berichte gab es schon viele, doch keiner war so ausfuehrlich wie jener in einer Tageszeitung dieser Woche.

Die israelisch - polnischen Beziehungen staenden auf dem Spiel und eine ernsthafte Krise braue sich zusammen.
Polnische Offizielle beschwerten sich ueber das ausfallende Verhalten israelischer Jugendlicher. Jedes Jahr fahren ca. 25.000 israel. Schueler auf Klassenfahrten nach Polen. Ueberwiegend um KZ - Gedenkstaetten und Friedhoefe zu besuchen. Das Leben der polnischen Juden vor und waehrend des Holocaustes soll ihnen hautnah erklaert werden. Brav hoeren die Schueler den Erklaerungen zu und sind geschockt.

Die Schattenseite spielt sich danach im Hotel ab. Die Schueler beschimpfen polnische Hotelangestellte, verwuesten die Zimmer, betrinken sich sinnlos an der Bar und zerschneiden sogar Teppiche. Ein Hotel liess all den hinterlassenen Muell zusammentragen und der israel. Botschaft zeigen.
Jede Schuelergruppe wird von israel. Bodyguards begleitet, da aus Polen immer wieder antisemitische Uebergriffe zu vermelden sind. Und seien es nur wueste Beschimpfungen vieler Polen gegenueber auslaendischen Juden. Selbst eine amerik. Bekannte von mir war einmal selbst betroffen.

Die Hotelangestellten kritisierten nicht nur die Schueler, sondern deren Bodyguards gleich mit und das Aussenministerium will nun alles pruefen.

Ich war von der Nachricht geschockt und finde keine Erklaerung fuer die stattfindende Randale einiger Schueler, welche den Ruf aller zerstoeren. Von den Lehrern war nicht gross die Rede und mir ist unklar, wer da eigentlich aufpasst. Aber es geht nicht nur um das Lehrerkollegium, sondern vielmehr darum, was in den Koepfen solcher Schueler vorgeht.
Leider wird manchmal nicht nur der Holocaust im Ausland vergessen, sondern auch bei uns. Vielleicht sollte das neue Ziel der Klassenfahrten Sderot heissen, damit sie aktuellen Antisemitismus erleben und nicht meinen, dieser gehoere in die Geschichtsbuecher.

Alle wollen vergessen

B"H

Und wieder beherrscht Sderot die heutige Presse. Die Tageszeitung Maariv widmet dem Thema gleich Seite 2 und 3.
Allein gestern schlugen 14 Kassam - Raketen in und um Sderot ein. Die Bewohner sind mit den Nerven am Ende. Vor allem deshalb, weil vor ein paar Tagen eine Rakete in das Auto von Shirel Friedman einschlug und die 35 - jaehrige kurz darauf ihren Verletzungen erlag.

Wenn ein Krieg ausbricht, dann kommt jedesmal der russisch - israel. Milliardaer Arkadi Gaidamak auf den Plan. Hatte er schon waehrend des Libanon - Krieges fuer Fluechtlinge aus dem Norden eine Zeltstadt am Strand aufbauen lassen, wiederholte er das nun fuer die Bewohner Sderots.
Arkadi plante eine Zeltstadt, die mindestens 1000 Leute aufnehmen kann. Die Stadtverwaltung Jerusalem stellte ihm keine Flaeche zur Verfuegung, laufen doch gegen ihn mehrere Verfahren wegen Steuerhinterziehung und Geldwaesche.
Tel Aviv stimmte zu und Arkadi liess die Zelte im HaYarkon Park aufstellen. Alle sollen ihn seiner Grosszuegigkeit wegen feiern, was aber gestern irgendwie in die Hosen ging. Nur wenige Hundert Leute reisten tatsaechlich an.

Olmert und der Buergermeister Sderots, Eli Moyal, sind ausser sich. Die Bewohner sollen gefaelligst in der Stadt bleiben. Wie sieht denn das aus, wenn Gaidamak seine Busse schickt und eine Massenevakuierung vornimmt. Was soll denn da bloss das Ausland denken ?
Aber keine Sorge, denn das Ausland sieht kaum etwas aus Sderot. Weiter unten auf Seite 2 lesen wir, dass das Aufklaerungszentrum des israel. Aussenministeriums die gesamte auslaendische Presse kritisiert. Niemand wuerde aus Sderot berichten geschweige denn hinfahren. Sobald aber die israel. Armee Luftangriffe in Gaza fliegt, waeren alle puenktlich zur Stelle.

Die Journalisten legten zwei laecherliche Begruendungen fuer ihr Handeln vor. Erstens gebe es nach Sderot nur eine schlechte Busverbindung und zweitens haette es bisher nur eine Tote gegeben. Kein Blut, keine Berichterstattung. Ohne zerfetzte Koerper waere der Tagesschau - Zuschauer gelangweilt und Gaza haette da mehr zu bieten.

Wir denken da etwas anders, denn Sderot koennte sich ueberall und zu jeder Stunde ereignen. Nur unsere Regierung moechte Sderot am liebsten ganz vergessen und ein ewig anrufender und um Hilfe bittender Eli Moyal geht in Olmerts Buero anscheinend nur allen auf die Nerven.

Donnerstag, 24. Mai 2007

Israeli Pop

B"H

Einer der groessten Saenger und Liedermacher Israel: Shlomo Artzi mit einem Liebeslied.

Die Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft

B"H

Als ich nach Israel zog, musste ich mich zuerst orientieren und mir eine Identitaet zulegen. Eine Identitaet zu haben ist in unserem Land besonders wichtig. Jude, Nichtjude, religioeser Jude oder nicht, Ashkenazi, Sepharadi, Jerusalemer, Tel Aviver, Siedler, Haredi, links oder rechts und ich weiss nicht, was noch alles.
Fuer viele ausserhalb Jerusalems habe ich vorweg schon ein gewisses Image. Jerusalem sei religioes und wahrscheinlich sei ich das auch noch. Nicht immer stimmen diese Vorurteile, doch in meinem Fall tun sie es.

Die Vorfahren der meisten Israelis kamen irgendwann einmal aus dem Ausland. Ploetzlich fand sich jeder inmitten einer internationalen Masse in einem kleinen Land wieder. Obwohl Juden die gleichen Vorvaeter haben, wurden sie nach der Zerstoerung des Zweiten Tempels in alle nur moeglichen Laender verstreut.
Nach ihrer Aliyah (Einwanderung nach Israel) kamen sie mit den Mentalitaeten des jeweiligen Landes in Israel an, was zwangslaeufig zu Konflikten fuehrte. Vor allem zur Zeit von Premier David Ben Gurion, sah man die Einwanderung marokkanischer, jemenitischer und kurdischer Juden mit gemischten Gefuehlen. Die seien ja alle primitiv, so die Meinungen. Vieles davon stimmte, doch veraenderte sich die Gesellschaft im Laufe der Jahrzehnte.

Die Position der damaligen sephardischen Juden nehmen heute die Aethiopier ein. Nach wie vor stehen sie am Rande der Gesellschaft, was bei den Jugendlichen eine Null - Bock Reaktion auf die Schule verursacht. Wenn ein Aethiopier einmal auf eine Universitaet geht, dann ist das in Israel eine Schlagzeile wert. Einen aethiopischen General hatten wir noch nicht, sephardische dagegen haben wir in Huelle und Fuelle.

Der groesste Bruch der heutigen Gesellschaft geht aus dem Verhaeltnis religioes - nichtreligioes hervor. Die Religioesen geben daran der Presse die Schuld, was teilweise der Wahrheit entspricht. Vor allem die Tageszeitung "Yediot Acharonot" tat sich vor der Raeumung der Siedlungen in Gush Katif (im August 2005) mit gnadenloser Hetze gegen religioese Juden hervor. Nicht selten auf Anweisung von Ariel Sharon, der ein gutes Verhaeltnis zu den Redakteuren pflegte und die Siedler auf seiner privaten Abschlussliste standen.
Nichtreligioese Israelis sehen sich von den religioesen bedroht. Schon allein deswegen, weil die Orthodoxie das Oberrabbinat beherrscht und z.B. keine Zivilehen zulaesst. Zusaetzlich sind bei jeden Knesset - Wahlen und in Koalitionen die religioesen Parteien immer das Zuenglein an der Waage. Egal ob die sephardische relig. Shass - Partei oder Yahadut HaTorah, alle kommen mit gewissen Vorbedingungen in eine Koalition. Meistens lauten die Bedingungen: mehr Geld fuer Yeshivot (relig. Schulen), Kaschrut (koscheres Essen) oder, wie schon erwaehnt, keine Zivilehen. Letzteres bedeutet, dass in Israel halachische Juden keine Ehen mit Nichtjuden oder halachisch fragwuerdigen Juden eingehen koennen. Diese Ehen werden immer im Ausland geschlossen. Auch wollen halachische Juden ohne Einwilligung des Rabbinats heiraten koennen.
Eine Trennung von Staat und Religion ist in Israel langfristig nicht in Sicht, denn die Koalitionen bestehen mit Hilfe der religioesen Parteien. Ausserdem waechst aufrund der hohen Geburtenrate die religioese Waehlerschaft viel schneller als die nichtreligioese. Einen weiteren ganz wichtigen Punkt will ich hier nicht ausser Acht lassen. Viele Israelis wollen keine Zivilehen, denn sie sind traditionell eingestellt. Zum Schluss gebe das bei Ehen und den daraus hervorgehenden Kindern nur Verwirrungen, wer denn jetzt Jude sei und wer nicht. Ein riesiges Verwirrspiel innerhalb unseres Volkes, welches uns am Ende wieder Millionen kostet, da Aemter oder das Rabbinat individuell herausfinden muss, wer jetzt genau welche Identitaet hat.

Gleich nach der Religion folgt der naechste Riss, der da Politik heisst. In anderen Laendern verkuendet nicht jeder oeffentlich welche Partei er waehlt. In Israel schon. Wer gefragt wird, von dem wird eine Antwort erwartet. Genau diese Erfahrung machte ich vor den letzten Knesset - Wahlen im Fruehjahr 2006. In unserer Baeckerei gab es keinen einzigen, der nicht bekanntgab, wen er waehlen wird.
Der Riss war vielleicht nie so gross wie vor noch einem Jahr. Sogenannte illegale Siedlungen sollten geraeumt werden und die Linken lachten sich ins Faeustchen. Kurz darauf aber verursachte der Libanon - Krieg einen gewaltigen Rechtsruck in der Gesellschaft und heute stehen die untereinander zerstrittenen Linksparteien allein auf weiter Flur. Die atomare Bedrohung aus dem Iran, die Hizbollah im Libanon und die Hamas tragen ihr Uebriges dazu bei. Seit dem letzten Libanon - Krieg traeumen Israelis wieder von einer glorreichen Armee, wie wir sie zu Zeiten des Sechs - Tage (1967) oder Yom - Kippur Krieges (1973) hatten. Mit einer starken Rechtsregierung werden wir alle Herausforderungen und Bedrohungen meistern.

Was uns aber alle irgendwie scheitern laesst, ist unsere eigene Ignoranz und Gleichgueltigkeit. Politiker aller Parteien heben immer wieder hervor, dass wir ein starkes Volk sind und uns zu helfen wissen. Genau diese Worte benutzte zuletzt Ehud Olmert als er die von Hamas - Raketen unter Dauerbeschuss liegende Stadt Sderot besuchte.
Richtig, wir sind ein starkes Volk, doch mittlerweile immer nur dann, wenn es zum Notfall kommt. Dann halten wir ploetzlich alle zusammen, egal ob arm oder reich, religioes oder nicht und Ashkenazi oder Sepharadi. In Zeiten ohne lebensbedrohlichen Ernstfall lassen wir uns gegenseitig haengen und jeder kuemmert sich nur um seine eigene Welt. Grosse Demonstrationen kommen nur noch selten zusammen und jeder ist mit sich selbst beschaeftigt. Wir alle sind Konflikte so unbeschreiblich leid.

Jedes Jahr ziehen Tausende Israelis auf unbestimmte Zeit ins Ausland. Null Bock auf Bombenterror, Korruption, Arbeitslosigkeit, den ganzen gesellschaftlichen Zwang und die israelische Enge. Stattdessen geht es hinaus in die weite Welt, wo jeder meint, sein vollkommenes Glueck zu finden. Vor allem des Geldes wegen kehren Israelis ihrem Land den Ruecken. Besser bezahlte Jobs im Ausland ziehen sie magisch an.
Selbst mich haben schon viele Leute ueber Deutschland ausgefragt. Was man denn da verdiene und ob es viele Nazis gebe. Als beliebteste Ziele der Israelis gelten die USA, Kanada und London. Auch wenn man einfach nur weg will, auf Gleichgesinnte und seine Sprache will man nun doch nicht verzichten. Und in den USA etc. gibt es grosse israelische Gemeinden.

Die Kehrseite der Medaille ist, dass jedesmal unzaehlige Israelis enttaeuscht ins eigene Land zurueckkehren. Im Ausland sei alles noch viel schlimmer als bei uns. Und dann erst der Antisemitismus. Da lobe man sich doch lieber die heimischen Konflikte.
Womit wir wieder beim alten Thema waere. Keiner weiss so recht, was er will.

Mittwoch, 23. Mai 2007

Fast Shabbat

B"H

In Israel ist der Shavuot - Feiertag vorbei und im Ausland wird noch gefeiert. Da ich religioes bin und an Feiertage bzw. am Shabbat kein Radio hoere oder TV schaue, muss ich mich erst einmal ordnen und schauen, was es Neues gibt. Ein kurzer Blick auf das Internet Nachrichtenmagazin Walla reicht, um zu sehen, dass alles noch beim Alten ist.
Kassam - Raketen fliegen auf Sderot und vor ca. einer Stunde auch in die Naehe der Stadt Ashkelon. Wie zu erwarten war, ist Ashkelon das naechste Ziel der Hamas aus Gaza.

Von Frieden war nichts zu lesen und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob unsere Regierung bis Sonntag ueberhaupt arbeitet. Morgen ist zwar wieder ein ganz normaler Arbeitstag, doch nur halbtags. Jedenfalls fuer Regierungsangestellte.
Freitag arbeiten die wenigsten und am Abend beginnt der Shabbat. Fuer uns Israelis ist diese Woche aufgrund des Feiertages eine sehr kurze Woche. Viele haben am Donnerstag einen Brueckentag genommen und gehen bis Sonntag erst gar nicht zur Arbeit.
Die einzigen, die wirklich etwas tun, sind die Polizei, Feuerwehr und die Ambulanzen in Sderot, welche rund um die Uhr im Einsatz sind.

Jerusalem ist weit weg und hier geht das Leben seinen normalen Lauf. Cafes, Restaurants etc. sind geoeffnet und die Leute stuerzen sich in den Trubel. Abends ausgehen ist teuer, aber IN.
Auch ich stuerze mich jetzt kurz in den Trubel, denn ich treffe wieder einmal die Mischpoken - Mutter Anneka, wenn sie denn puenktlich oder ueberhaupt erscheint.

Nachtrag: Die Anneka ist wieder einmal nicht erschienen. Wie sie in ihrem Mischpoken - Blog schreibt, befindet sie sich als Juedin mit einer Gruppe Christen in Israel und hat dauernd Probleme, etwas ausserhalb der Gruppe unternehmen zu duerfen. Ich habe keine Ahnung, woran es heute wieder gelegen hat.
Nach 20 Minuten des Wartens hatte ich genug. Wenigstens war es nicht langweilig, denn die Breslover Chassidim tanzen am Zion Square und gleich daneben fuhr ein riesiges Polizeiaufgebot vor.
Zion Square sowie die gleich daneben gelegene Fussgaengerzone Ben Yehudah sind menschenueberfuellt. Vier Polizeiwagen und ein weiteres der Militaerpolizei MAGAV, was normalerweise bedeutet, dass Terrorwarnungen vorliegen. Anscheinend hat die Hamas Bombenattentate angekuendigt und die Jerusalemer Innenstadt stellt immer ein beliebtes Ziel dar.