Donnerstag, 6. Mai 2010

Israel bewältigen

B"H

Amerikaner lieben zu sagen, dass wer New York bewältigt, es überall auf der Welt schaffen kann. Andererseits traf ich in Israel auf New Yorker, die sagten, dass wer es in Israel schaffe, es überall schaffe. Insgesamt sei es schwerer in Israel zu leben als in New York.

Vor nicht allzu langer Zeit überhörte ich an einem öffentlichen Ort in Tel Aviv ein Gespräch zwischen einem jungen deutschen und einem anderweitigen europ. Touristen. Beide Personen waren keine Juden. Beim zweiten Touristen, bei dem ich vermutete, dass er Franzose ist , handelte es sich allem Anschein nach um jemanden, der sein Visum überzog und nun illegal in Tel Aviv lebt und jobbt. Der Deutsche schwärmte dem "Franzosen" vor, wie gerne er in Israel bleiben würde. Aliyah ginge nicht, denn seine Familie bestehe nur aus Christen. Der "Franzose" riet dem Deutschen ab und gab ein eindeutiges Statement von sich, welches jeder ganz individuell erlebt. Egal, ob Tourist oder Neueinwanderer.

"Als Tourist weisst Du gar nichts über das Leben in diesem Land. Du gehst an den Strand, schaust herum. Mal hier, mal dort. Lernst ein paar Leute kennen und fährst wieder. Erst wenn Du hier lebst, und das längere Zeit, verstehst Du, wie das Leben in Israel abläuft. Hast Du eine Ahnung von der Bürokratie hier ? Den Sozialversicherungen ? Davon, dass Du als Nichtjude kaum etwas zählst ? Wie die Leute hier aufeinander losgehen und wie das Arbeitsleben aussieht ?
Fahr mal ganz schnell wieder nach Deutschland zurück und bis dahin geniesse Dein Touristendasein !"

Der Franzose hatte mehr als Recht und tatsächlich erlebt jemand, der ein paar Jahre im Land lebt und in der israelischen Arbeitswelt fungiert, das Land wesentlich anders. Und damit meine ich keinen Touristen, der in seinem deutschen Umfeld im Ausland arbeitet oder jemanden, der in Israel für ein Jahr oder so volontiert.
Was ich vielmehr meine ist ein neuer Staatsbürger, des Landes mit allen Rechten und Pflichten. In dem Moment nämlich sieht mein Leben anders aus.

Das Erste, was so jemand tun sollte, ist seine vorherige Mentalität abstellen. Ich kann nicht als Deutscher kommen und mein deutsches Denken auf Israel und den Alltag hier ausrichten. Das funktioniert nicht; besonders nicht in der Jobwelt. Die Mitmenschen lassen sich nicht umbiegen und so mancher Deutscher dreht durch und beginnt ggf. zu drohen, denn irgendwie muss das doch alles in israelische Dickschädel.
Wer so anfängt, wird als "Mefager - Zurückgebliebener" betrachtet und irgendwann, ja irgendwann in der Zukunft schaut ein jeder ehemaliger Neueinwanderer auf diese Lernphase zurück und lacht über sich selbst, wie doof er einmal in diesem Land ankam. Meist geschieht das in dem Augenblick, in welchem man andere Neueinwanderer sieht und wie sie herumstrampeln. Nur die Zeiten haben sich geändert und das nicht immer zum Positiven. Als ich vor fast zehn Jahren Aliyah machte, sah alles etwas anders aus als heute. In allen Lebenslagen.

Also, deutsche Mentalität etwas zurückfahren und die neue Lernphase einleiten. Soviel mit Israelis zu tun haben wie möglich. Unsere Gesellschaft umschliesst mehrere Gruppen aus nur den sephardischen und aschkenazischen Juden. In Jerusalem besitzt sogar jeder Stadtteil sein mentales Eigenleben.

So schnell wie möglich die Sprache erlernen und Zeitung lesen. Die Politik hat einen immensen Einfluss auf unser Leben und es ist wichtig, die Zusammenhänge der Parteien zu begreifen. Die Haredim (Ultra - Orthodoxen) mit ihrem riesigen Einfluss auf die Regierungen und warum. Welche Rolle spielt Netanyahu und wie wirkt sich seine politische Vergangenheit auf die Wählermeinung aus.
Die Politik zeigt uns das Land auf und wie sich wer in welchem Fall verhält. Warum eine Demo nichts bringt und die Dummheit der Leute nichts zu tun. Wo ein Deutscher ausrastet, lehnt sich ein Israel im Sessel zurück und fragt, ob das alles ist und was es Neues gibt. Oder in anderen Worten ausgedrückt: Themenwechsel.

Kommentare:

  1. Wie viele Sichtweisen es doch gibt die Dinge zu betrachten! So groß und weit ist die Welt. Herrlich!

    AntwortenLöschen
  2. B"H

    Und dabei ist es unmoeglich, alles zu beschreiben. Jeder erlebt halt sein eigenes Israel und der eine kommt zurecht, der andere nicht.

    Nur eines sollte man bedenken:
    Israel besteht nicht nur aus Gefillte Fisch, Strand und Falafel, sondern das Leben kann knallhart sein und nicht immer faengt einen das Sozialsystem auf.

    AntwortenLöschen