Dienstag, 23. März 2010

Befristete Jobs und Ausbeutung

B"H

"Spiegel Online" berichtet zur Lage befristeter Arbeitsverträge in deutschen Landen. Seit meinem Wegzug vor fast zehn Jahren scheint sich diesbezüglich vieles verändert zu haben. Nach der regulären Probezeit von meist drei Monaten, wurde der Arbeitnehmer festangestellt, hatte er denn einmal einen rechtmässigen Arbeitsvertrag. Neuerdings aber scheint alles befristet, über Zeitarbeit oder gleich beides zusammen abzulaufen. Ganz klar zieht hier der Arbeitgeber finanziell die Vorteile.

Was in Deutschland so langsam beginnt, ist in Israel schon viele Jahre bittere Realität. Um feste Arbeitsverträge, Tariflöhne oder alle anderen sozialen Vorteile einzusparen, werden Arbeitnehmer stundenweise eingestellt. Kein Israeli erklärt sich bereit, für 1 - 3 Stunden zu einen Arbeitsplatz zu gurken und so gehen viele Unternehmen, die solch eine Stelle bieten, leer aus. "Was, soll ich hier auf Freier (israelischer Slang für einen Ausgebeuteten am Arbeitsplatz) machen ?"
Letztendlich finden die Unternehmen immer einen Dummen, der die miserablen Bedingungen annimmt. Ohne viel vertraglichen Rückhalt und anderweitige übliche betriebliche Vorteile, denn man ist genau genommen kein richtiger Bestandteil des Personals, sondern mehr oder weniger Aushilfe auf Stundenbasis.

Seine Arbeitsrechte muss man sich in Israel hart erkämpfen und wer seine Rechte nicht genauestens kennt und präsentiert, der landet auf dem beruflichen Schrott und wird gnadenlos ausgenutzt. Das beginnt beim bezahlten Urlaub, den der Arbeitnehmer nicht nehmen muss, doch pro Jahr wird ein gesetzliches Geld vom Arbeitgeber an den Arbeitnehmer gezahlt. Allein wird der Arbeitgeber darauf nicht aufmerksam machen und wenn der Arbeitnehmer dieses Recht nicht kennt, geht er leer aus.
Rentenversicherungen sind seit kurzer Zeit Pflicht, doch hören so manche Arbeitnehmer auf Stundenbasis, dass das Gesetz ja auf sie nicht zutreffe. Auch um das gesetzlich verankerte Fahrgeld wird gezofft und die Arbeitgeber winden sich wo sie nur können.

Auf Stundenbasis arbeitend bestehen viele Nachteile, auch beim Krankengeld von der Bituach Leumi. Stundenweise Ausbeutung aber lohnt sich für den Arbeitgeber, denn er spart Kosten und eine eventuelle Festeinstellung. In Israel die ersehnte "Kwiut - Festanstellung" zu bekommen, ist in vielen Bereichen fast zum Ding der Unmöglichkeit geworden. Im Alltag bedeutet dies, dass der Arbeitnehmer drei Jahre in einem Betrieb schuften kann, ohne festangestellt zu sein. Drängt er irgendwann auf Festeinstellung, so kommt das Unternehmen mit der Kündigung daher. Man brauche ihn nicht, gleichzeitig aber wird die Stelle an einen neuen Dummen vergeben. Befristet, versteht sich !

Urlaub ist so eine Sache und gesetzlich besser geregelt bei einem nicht nach Stunden berechneten Gehalt. Wer allerdings nur drei Stunden irgendwo arbeitet, der setzte sich mit der Bituach Leumi in Verbindung um sicherzugehen, ob ihm überhaupt Urlaub, und wenn ja, wieviel, zusteht.

An Feiertagen habe jene mit geringer Stundenzahl ebenso das nachsehen, denn nicht jeder Arbeitgeber zahlt ihnen die üblichen Geschenke vor Pessach oder Rosh Hashana. In unserer Bäckerei erhalten viele erst die volle Summe des Geschenkegutschein, wenn sie einige Zeit im Betrieb tätig sind. Jemand, der pro Tag eine Stunde arbeitet, geht fast leer aus.

Insgesamt ist das Arbeitsrecht kompliziert; allein durch die privaten Rentenversicherung (Verträge laufen über reguläre Versicherungsunternehmen) durchzusteigen, ist eine Farce. Bisher hielt ich es stets so meine Kollegen zu befragen und mir da Tipps zu holen. In Israel gewährt noch nicht einmal jeder Betrieb einen automatischen Unfallversicherungsschutz.

Womit man sich hingegen schon längst abfand ist, heute gekündigt zu werden und sich danach einen neuen Job zu suchen. Es wird genau wie in Deutschland gehangelt, was mit steigendem Alter natürlich schwieriger wird. Außerdem las ich, dass deutsche Studenten angst haben, ein Startup zu gründen. Das wiederum ist in Israel etwas anders und so manch einer gründet, neben seinem festen Job, eine eigene kleine Firma. Flexibel lautet die Devise, aber auf seine Rechte sollte man nicht vergessen zu pochen.

Kommentare:

  1. Tja,

    so kennen wir unsere geliebte Bananenrepublik Israel ;)

    Übelste Sorte.

    Joshua

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  2. Gestatte mir eine Frage zum Thema Geschenkgutscheine: "nicht jeder Arbeitgeber zahlt ihnen die üblichen Geschenke vor Pessach oder Rosh Hashana."
    Vielleicht hast Du es schon einmal erklärt(wo?), aber in Deutschland kennen wir diese Gepflogenheit nicht.
    Margot

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  3. B"H

    Ich erklaerte den Brauch der geschenkgutscheine vor Pessach und Rosh Hashana zuvor.:-)

    Einige Regierungseinrichtungen zahlen vor diesen Feiertagen ihren Angestellten einen extra Bonus, doch die Gutscheine sind beliebter, da steuerfrei.:-)))

    In Israel sind die Gutscheine in unterschiedlichen Hoehen Gang und Gebe. Manche Firmen zahlen bis zu 1000 Schekel (ca. 200 Euro), andere 200 Schekel (ca. 40 Euro) wie unsere knausrige Baeckerei.

    Jeder bekommt einen Gutschein, auf welchem zahlreiche Laeden verzeichnet sind, in die derjenige mit dem Gutschein gehen kann.
    Elektrogeschaefte, Klamotten, Buecher oder Supermaerkte. Fuer die auf dem Gutschein angegebene Summe kann man dann dort einkaufen und an der Kasse damit ganz regulaer bezahlen.

    Alle machen das so vor den Feiertagen, doch Angestellte auf Stundenbasis (nur ein paar Stunden pro Woche) oder Zeitarbeiter bekommen entweder eine ganz geringe Summe oder gar nichts.

    In Deutschland dagegen geht ja das Feiertagsgeld wie Weihnachstgeld mit aufs Konto. In Israel ist das teilweise anders und alle sinds zufrieden, denn die Gutscheine erleichtern schon viele Feiertagseinkaeufe.

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  4. Vom Feiertagsgeld in Deutschland weiß ich nichts (lasse mich aber gerne von denjenigen belehren, die welches bekommen) und das Weihnachtsgeld wurde sehr zusammengestrichen bzw. wird in vielen Firmen überhaupt nicht mehr gezahlt. Auch das einmal übliche Urlaubsgeld fällt inzwischen bei den meisten Firmen fort. Überstunden müssen "abgefeiert" werden (sonst bekam sie unser Sohn zusätzlich ausbezahlt) und man kann froh sein, wenn keine Kurzarbeit angemeldet wurde, sondern die Arbeitszeit auf 35 Stunden zurückgefahren wurde (oder man überhaupt noch einen guten Job hat).
    Margot.

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  5. B"H

    Ups, mit Feiertagsgeld meinte ich Urlaubsgeld. Und dann das Weihnachtsgeld.

    Ueberstunden abfeiern ist eh besser, denn steuermaessig bringen die eh kaum etwas. Weder in Deutschland noch in Israel.

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