Donnerstag, 3. Februar 2011

Wenn es Nacht wird auf der Ibn Gvirol


B”H

Viele Orte Tel Avivs werden tagsüber von einem anderen Flair eingenommen als des Nachts. Bei Tageslicht ist die ewig lange Ibn Gvirol in der Innenstadt eher ein kleines Normalo - Yuppie - Center. Klamottenläden, die kleine Mall, das Rathaus sowie all die umliegenden eher kostspieligen Kneipen und Restaurants. Schuld an vielen hohen Restaurantpreisen ist die Lage, denn die Ibn Gvirol wird von zahlreichen Zfoni (nördlichen) Straßen, wie u.a., der Arlozorov oder der Bloch, durchschnitten. Und da leben vorwiegend aschkenazische gut betuchtere Herrschaften. Banker, Leute aus der Hightech World oder Anwälte.

Des Nachts hingegen entpuppt sich die Ibn Gvirol als Schickimicki Ausgehhölle und wer gesehen werden will, der begebe sich in ein schickes Restaurant und sitzte auch noch draußen. Wenn man schon alleine loszieht, dann wenigstens mit dem Laptop bewaffnet, denn die Leute sollen sehen, dass auch ich etwas habe.

Tagsüber ist die billige AROMA Kaffeehauskette gegenüber dem Rathaus gerammelt voll, abends geht kaum ein Mensch hinein. Der Grund ist keineswegs, dass gerade diese AROMA Filiale alles andere als koscher gilt, denn dort werden belegte Brote mit Huhn und Käse serviert. Grund ist vielmehr, dass sich abends kaum jemand mit dem Geruch eines Kettenunternehmens berauschen will, sondern da wird schick ausgegangen. In ein individuell eingerichtetes Etablissement und in keinen Schuppen, in dem das Mobiliar landesweit gleich gestylt ist. 



An der Ibn Gvirol: Der "Kikar Rabin - Rabin Platz". 
Das grosse Gebäude in der Bildmitte ist das Tel Aviver Rathaus. Auf seiner Rückseite wurde im November 1995 der damalige Ministerpräsident Yitzchak Rabin erschossen.


Pizzerien, Joghurt – Stände, Kaffeehäuser, Läden mit selbstgemachter Schokolade a la belgischem Vorbild, Suschi … alles ist dabei und erhältlich. Wer religiöser Jude ist und demnach Koscheres sucht, der muss auf der Ibn Gvirol manchmal ganz schön suchen. Und das der religiöse Jude man ja nicht zu verwöhnt ist, denn etwas "Besseres" als ein Rabbanut (Israel. Oberrabbinat) Koscherzertifikat (Hechscher) wird er kaum vorfinden.


Wer gesehen werden will, der isst hier. 


Trendiges, Extravagantes, Exklusives sowohl als auch Alltägliches, all das bietet die Ibn Gvirol. Obwohl ich kein Modeheini bin und nirgends unbedingt dabei sein muss, gefällt mir das dortige abendliche Flair. Meine proletarischen Gedanken aber umfassen genauso die eher jungen Bedienungen, die sich da allabendlich abrackern. Ob ihnen das etwas ausmacht, viele Schickimickis (oder solche, die es sein wollen) zu bedienen oder wird bei der Arbeit vorweglich ans Geld gedacht ?




Dieses Photo entstand nicht in der Ibn Gvirol, sondern in der trendigen Shenkin Street / Tel Aviv. 


Die wesentlich andere Art des Ibn Gvirol Flairs findet auf dem Kikar Rabin statt. Springbrunnen und viele Bänke, auf denen des nachts Obdachlose und Junkies verweilen. Ohne Randale und ohne Zoff. Alles findet in Ruhe statt und jeder für sich, wie der Mann, der gestern abend seinen kleinen Rucksack immer wieder ein – und auspackte. Wasserflasche in den Rucksack, Wasserflasche aus dem Rucksack. Sorgsam behütete er seine im Rucksack verstaute Habe und als ein kleiner brauner Hund vorbeischnupperte, verscheuchte er diesen. Irgendwann hatte der Mann genug gepackt und begab sich anscheinend auf den Heimweg. So nahe beieinander: Der Wohlstand und die Unterschicht, aber kaum jemand stört sich am Gegenüber so wie das Yuppie Pärchen, was nicht weit vom Rucksackpackenden Mann niederliess und sich an seiner psychischen Disorder keinesfalls störte.

Wenn schon Ibn Gvirol, dann am Abend !

Copyright / Photos: Miriam Woelke

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